Im Shanty Chor mitsingen in Lemwerder
Wenn aus Seemannsliedern plötzlich gemeinsamer Gesang wird
Man muss weder zur See gefahren sein noch Noten lesen können, um herauszufinden, wie es sich anfühlt, mitten in einem Shanty Chor zu stehen. In Lemwerder, direkt an der Weser gegenüber von Bremen Vegesack, öffnet der Stedinger Shanty Chor seine regulären Proben auch für Menschen, die das maritime Repertoire selbst ausprobieren möchten.
Das macht dieses Erlebnis interessanter als einen gewöhnlichen Konzertbesuch. Man sitzt nicht im Publikum und hört den bekannten Melodien zu, sondern steht zwischen den Sängerinnen und Sängern und versucht selbst, den richtigen Einsatz zu erwischen. Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Entscheidend sind Interesse an der Musik und die Bereitschaft mitzusingen.
Der Stedinger Shanty Chor besteht seit 1979 und zählt heute rund 20 Mitglieder unterschiedlichen Alters. Frauen und Männer singen gemeinsam, und auch musikalisch beschränkt sich das Repertoire längst nicht auf historische Arbeitslieder. Neben traditionellen Shantys und Seemannsliedern gehören moderne maritime Titel dazu.
Wer Shantys bislang hauptsächlich mit Hafenfesten verbindet, bekommt hier einen wesentlich unmittelbareren Zugang zu einer Musikform, deren Ursprung tatsächlich auf See liegt.
Was ist ein Shanty eigentlich?
Heute werden die Begriffe Shanty und Seemannslied häufig synonym verwendet. Historisch ist das nicht ganz richtig.
Ein klassisches Shanty war ursprünglich ein Arbeitslied.
Auf großen Segelschiffen mussten schwere Arbeiten von mehreren Seeleuten gleichzeitig ausgeführt werden. Taue wurden eingeholt, Segel gesetzt, Anker gehievt oder andere körperlich anstrengende Arbeiten erledigt. Damit eine Gruppe ihre Kraft im richtigen Moment einsetzen konnte, half ein gemeinsamer Rhythmus.
Genau dafür wurden Shantys gesungen.
Häufig gab ein Vorsänger, der sogenannte Shantyman, eine Zeile vor. Die Mannschaft antwortete gemeinsam. Bestimmte Stellen des Liedes markierten den Moment, in dem gleichzeitig gezogen oder gedrückt wurde.
Musik war damit nicht bloß Unterhaltung.
Sie organisierte Arbeit.
Nicht jedes Seemannslied war ein Arbeitslied
Daneben gab es Lieder, die Seeleute außerhalb der eigentlichen Arbeit sangen. Diese erzählen von Häfen, Fernweh, Heimweh, Liebe, Abschied oder dem Leben auf See.
Solche Seemannslieder gehören heute ebenso selbstverständlich zum Repertoire vieler Shanty Chöre wie die ursprünglichen Arbeitslieder.
Die heutigen Chöre bewahren damit nicht eine einzige historische Liedform, sondern eine wesentlich breitere maritime Musikkultur.
Auch der Stedinger Shanty Chor verbindet unterschiedliche Traditionen. Neben klassischen Shantys und bekannten maritimen Liedern finden sich modernere Titel im Programm, darunter Stücke, die man beispielsweise mit Santiano oder Achim Reichel verbindet.
Das hält das Repertoire beweglich und erklärt, warum Shanty Chöre längst nicht ausschließlich historische Musik pflegen.
Warum diese Musik gerade im Norden weiterlebt
Zwischen Weser, Elbe und Nordsee gehörten Schifffahrt und Schiffbau über Generationen zum Alltag. Häfen waren Arbeitsorte, Werften große Arbeitgeber und Seeleute Teil des gesellschaftlichen Lebens vieler Küstenorte.
Lemwerder ist dafür ein besonders passender Ort.
Die Gemeinde liegt unmittelbar an der Weser. Auf der gegenüberliegenden Flussseite befindet sich Bremen Vegesack mit seiner eigenen langen Schifffahrtsgeschichte. Auch Lemwerder selbst ist stark durch Werftindustrie und maritime Wirtschaft geprägt.
Ein Shanty Chor wirkt hier deshalb nicht wie ein folkloristisches Programm, das eigens für Besucher inszeniert wurde. Die maritime Kultur gehört zur Geschichte der Region.
Der Chor trägt einen Teil davon musikalisch weiter.
Seit 1979 wird in Lemwerder gemeinsam gesungen
Der Stedinger Shanty Chor wurde 1979 gegründet.
Damit blickt die Gruppe inzwischen auf mehrere Jahrzehnte gemeinsamer Chorarbeit zurück. Heute gehören ungefähr 20 Sängerinnen und Sänger dazu. Die Altersspanne reicht nach aktuellen Angaben von 29 bis 84 Jahren.
Gerade diese Mischung macht einen Chor interessant.
Unterschiedliche Generationen stehen nebeneinander und teilen ein Repertoire, das teilweise wesentlich älter ist als sie selbst.
Auch die Zusammensetzung hat sich verändert. Shanty Chöre werden traditionell häufig mit Männerstimmen verbunden. In Lemwerder singen heute Frauen und Männer gemeinsam.
Neue Mitglieder sind ausdrücklich willkommen.
Einfach einmal zur Probe kommen
Für unsere außergewöhnlichen Unternehmungen ist genau dieser Punkt entscheidend.
Es gibt kein künstliches „Shanty Erlebnis“, bei dem Besucher für eine Stunde in eine vorbereitete Touristenrolle schlüpfen.
Wer ausprobieren möchte, wie sich das Singen in einem solchen Chor anfühlt, kann eine reguläre Probe besuchen.
Geprobt wird derzeit dienstags von 19.15 bis 21.15 Uhr in der BEGU Lemwerder.
Damit landet man mitten im tatsächlichen Choralltag.
Es werden Stücke geprobt, Einsätze wiederholt, Stimmen zusammengeführt und Passagen so lange bearbeitet, bis sie funktionieren.
Wer zunächst nur herausfinden möchte, ob diese Musik etwas für ihn ist, kann sich das in genau dem Umfeld anschauen, in dem der Chor jede Woche arbeitet.
Vor dem ersten Besuch empfiehlt sich trotzdem eine kurze Kontaktaufnahme. So lässt sich sicherstellen, dass die Probe wie geplant stattfindet und keine Veranstaltung oder Terminänderung dazwischenkommt.
Muss man singen können?
Die Schwelle ist erfreulich niedrig.
Besondere musikalische Vorkenntnisse werden für Interessierte nicht vorausgesetzt. Niemand muss eine klassische Gesangsausbildung mitbringen oder bereits jahrelang in einem Chor gesungen haben.
Natürlich hilft es, Melodien aufnehmen und sich in eine Gruppe einfügen zu können. Aber genau das lässt sich in einer Probe ausprobieren.
Chorgesang funktioniert ohnehin anders als allein zu Hause.
Man hört nicht nur die eigene Stimme, sondern orientiert sich an den Stimmen um sich herum. Einsätze müssen gemeinsam funktionieren, Rhythmus und Tempo werden von der Gruppe getragen.
Dadurch kann auch jemand, der sich allein beim Singen unsicher fühlt, feststellen, dass die eigene Stimme innerhalb eines Chores ganz anders wirkt.
Wenn aus einzelnen Stimmen ein Klang wird
Das ist vielleicht der interessanteste Moment für Menschen ohne Chorerfahrung.
Zwanzig einzelne Stimmen klingen nicht einfach wie zwanzig Menschen, die gleichzeitig dasselbe Lied singen.
Wenn Stimmen, Tonhöhen, Einsätze und Lautstärken zusammenpassen, entsteht ein gemeinsamer Klang.
Gerade maritime Lieder leben häufig von kräftigen Refrains, die von mehreren Stimmen getragen werden. Was allein vielleicht etwas verloren klingt, bekommt in der Gruppe plötzlich Volumen.
Wer mitten im Chor steht, erlebt diesen Klang zudem anders als ein Zuhörer einige Meter entfernt.
Die anderen Stimmen kommen von allen Seiten.
Die eigene Stimme verschwindet ein Stück weit darin und ist gleichzeitig Teil davon.
Tradition ohne Museumsglas
Traditionen haben manchmal das Problem, dass sie irgendwann nur noch vorgeführt werden.
Dann gibt es historische Kleidung, erklärende Tafeln und ein festes Programm für Besucher, während das eigentliche kulturelle Leben längst verschwunden ist.
Beim Stedinger Shanty Chor ist das anders.
Hier wird regelmäßig geprobt, der Chor tritt öffentlich auf und sucht neue Sängerinnen und Sänger. Die Musik wird also nicht lediglich dokumentiert, sondern weiterhin praktiziert.
Dass dabei auch moderne maritime Titel ins Repertoire aufgenommen werden, gehört dazu.
Eine lebendige Tradition verändert sich.
Sie muss nicht genauso klingen wie vor hundert Jahren, um ihre Herkunft nicht zu verlieren.
Für wen ist das Mitsingen geeignet?
Natürlich für Menschen, die maritime Musik mögen. Ebenso aber für alle, die einmal Chorgesang ausprobieren möchten, ohne sich gleich für einen klassischen Gesangsverein oder einen langfristigen Kurs entscheiden zu müssen.
Auch für Neuankömmlinge in der Region kann eine offene Chorprobe interessant sein. Vereine und Chöre gehören gerade in kleineren Orten zu den unkompliziertesten Möglichkeiten, Menschen kennenzulernen, die dort tatsächlich leben.
Wer ausschließlich ein spektakuläres Urlaubserlebnis sucht, wird bei anderen Unternehmungen unserer Sammlung eher fündig.
Hier liegt der Reiz gerade darin, für einen Abend Teil von etwas zu werden, das ohnehin jede Woche stattfindet.
Wie viel kostet das?
Für das unverbindliche Kennenlernen beziehungsweise den Besuch einer Probe wird kein klassischer Erlebnispreis wie bei einem Workshop ausgewiesen.
Wer dauerhaft mitsingen und Mitglied werden möchte, sollte die aktuellen Bedingungen direkt beim Chor erfragen.
Für unsere Sammlung bedeutet das: Dies ist keine buchbare Erlebnisveranstaltung mit Ticket, sondern eine Möglichkeit, nach vorheriger Abstimmung bei einem realen Chor vorbeizuschauen und das Mitsingen auszuprobieren.
Wann wird geprobt?
Die reguläre Probe findet derzeit jeden Dienstag von 19.15 bis 21.15 Uhr statt.
Probenort ist die BEGU Lemwerder in der Edenbütteler Straße.
Da Chöre Auftritte, Ferienzeiten und Sondertermine haben können, sollte man vor dem ersten Besuch Kontakt aufnehmen und den jeweiligen Dienstag bestätigen lassen.
Das ist insbesondere bei einer weiteren Anreise sinnvoll.
Und vielleicht bleibt es nicht bei einer Probe
Wer feststellt, dass ihm die Musik gefällt, kann aus dem einmaligen Ausprobieren natürlich mehr machen.
Der Chor freut sich ausdrücklich über neue Stimmen.
Damit unterscheidet sich diese Unternehmung noch einmal von vielen anderen in unserer Sammlung. Ein Brauseminar endet nach einem Tag, der selbst gebundene Buchblock ist irgendwann fertig und auch der Stunt Workshop hat einen festen Schluss.
Bei einer Chorprobe kann der erste Abend dagegen tatsächlich der Anfang eines neuen Hobbys sein.
Framania Fazit
Man könnte sich Shantys natürlich bei einem Hafenfest anhören.
In Lemwerder lässt sich die Perspektive wechseln.
Statt vor der Bühne zu stehen, geht man zu einer regulären Probe und findet sich zwischen Menschen wieder, die diese Lieder nicht für ein touristisches Programm einstudieren, sondern weil sie gemeinsam singen möchten.
Dabei erfährt man fast nebenbei, dass ein Shanty ursprünglich weit mehr war als ein Lied über Schiffe und Meer. Die alten Arbeitslieder halfen Seeleuten dabei, Bewegungen und Kraft zu koordinieren. Der Rhythmus hatte eine Aufgabe.
Heute muss in der BEGU niemand mehr gemeinsam ein Segel setzen. Geblieben ist das Prinzip, dass einzelne Stimmen erst miteinander ihre volle Wirkung entfalten.
Vielleicht trifft man beim ersten Versuch nicht jeden Ton und verpasst einen Einsatz. Das gehört dazu.
Spätestens wenn der Refrain einsetzt und die Stimmen um einen herum zusammenkommen, versteht man aber ziemlich schnell, warum diese Musik an der Küste über Generationen weitergegeben wurde.
Und wer danach am nächsten Dienstag wiederkommt, hat aus einer unserer außergewöhnlichen Unternehmungen möglicherweise gerade ein ziemlich gewöhnliches neues Wochenritual gemacht.
Adresse & Informationen
Stedinger Shanty Chor
BEGU Lemwerder
Edenbütteler Straße 5
27809 Lemwerder
Erlebnis: bei einer regulären Probe eines Shanty Chores mitsingen
Gegründet: 1979
Chor: aktuell rund 20 Sängerinnen und Sänger
Altersspanne: nach aktuellen Angaben etwa 29 bis 84 Jahre
Repertoire: traditionelle Shantys, Seemannslieder und moderne maritime Musik
Probe: dienstags von 19.15 bis 21.15 Uhr
Vorkenntnisse: besondere musikalische Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt
Frauen und Männer: beide ausdrücklich willkommen
Preis: kein regulärer Erlebnispreis für das Kennenlernen ausgewiesen
Anmeldung: vor dem ersten Besuch kurze Kontaktaufnahme mit dem Chor empfohlen
Besonderheit: keine touristische Mitsingveranstaltung, sondern Teilnahme an einer regulären Chorprobe