Woche der Industrie der Wirtschaftsförderung Stade Foto: Hansestadt Stade
Woche der Industrie der Wirtschaftsförderung Stade Foto: Hansestadt Stade
Wirtschaftsstandort Stade – Wie sich eine Industrieregion neu aufstellt
Flugzeugbau und Carbontechnologie, Chemie und Grundstoffe, Robotik, Forschung und neue Energieinfrastruktur: In Stade treffen industrielle Welten aufeinander, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Die eigentliche Stärke des Standorts liegt jedoch nicht in einzelnen großen Namen, sondern in den Verbindungen dazwischen. An der Unterelbe lässt sich beobachten, was industrielle Transformation in der Praxis bedeutet.
Stade hat zwei Gesichter.
Das eine ist weithin bekannt: Fachwerk, Hansehafen, Schwinge und die unmittelbare Nachbarschaft zum Alten Land. Das andere beginnt nur wenige Kilometer entfernt. Dort werden die Gebäude größer, die Straßen breiter und die Dimensionen industriell. Produktionshallen, Forschungszentren, Hafenanlagen und Chemiewerke prägen das Bild entlang der Elbe.
Beides gehört zu derselben Stadt.
Wirtschaftlich ist gerade diese zweite Seite bemerkenswert. Stades industrielle Struktur wird nicht von einer einzigen Branche geprägt. Luftfahrt und Leichtbau treffen hier auf Chemie und Grundstoffproduktion. Anwendungsorientierte Forschung sitzt in unmittelbarer Nähe industrieller Fertigung. Gleichzeitig gewinnt die Energieinfrastruktur an Bedeutung.
Und mittendrin steht ein Industriestandort vor einer Aufgabe, die derzeit viele Regionen in Deutschland beschäftigt: Er muss sich verändern, während er weiter funktionieren muss.
Mehr als Airbus
Airbus ist der Name, der am stärksten mit dem Industriestandort Stade verbunden wird – und das aus gutem Grund.
Rund 1.800 Menschen arbeiten nach Unternehmensangaben am Standort. Stade gehört innerhalb des Konzerns zu den weltweit führenden Kompetenzzentren für kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe, kurz CFK. Hier werden unter anderem Seitenleitwerke sowie Flügel- und Rumpfkomponenten gefertigt.
Doch für die Zukunft des Standorts könnte beinahe ebenso wichtig sein, was sich rund um diese industrielle Kompetenz entwickelt hat.
Mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Fraunhofer IFAM und dem Composite Technology Center ist in Stade eine Forschungs- und Entwicklungslandschaft entstanden, die sich intensiv mit Leichtbau und moderner Produktion beschäftigt.
Beim DLR arbeiten rund 40 Fachleute an Produktionstechnologien für große CFK-Bauteile im Industriemaßstab. Die Forschung beschränkt sich längst nicht auf die Luftfahrt. Auch Anwendungen für Verkehr und Windenergie spielen eine Rolle.
Fraunhofer IFAM wiederum arbeitet in Stade an Automatisierung, Robotik und neuen Produktionsverfahren. Das Spektrum reicht von digitalisierten Fertigungsprozessen bis zur automatisierten Bearbeitung und Montage großer Strukturen.
Das Entscheidende daran ist nicht die Zahl der Forschungsprojekte.
Es ist ihre Nähe zur Industrie.
Wenn aus Forschung Produktion werden soll
Zwischen einer guten Idee und einer wirtschaftlich funktionierenden Produktion liegt eine gewaltige Strecke.
Ein neues Material kann im Labor hervorragende Eigenschaften besitzen. Eine Maschine kann als Prototyp funktionieren. Ein Roboter kann einen einzelnen Arbeitsschritt perfekt ausführen.
Industrie beginnt jedoch erst dort, wo daraus ein verlässlicher Prozess wird: wiederholbar, schnell, präzise und wirtschaftlich.
Genau an dieser Schwelle besitzt Stade eine interessante Position.
Forschung, Erprobung und industrielle Anwendung liegen räumlich dicht beieinander. Das vorhandene Wissen über Faserverbundwerkstoffe ist über Jahrzehnte gewachsen. Neue Fertigungsverfahren können unter Bedingungen entwickelt werden, die sich an industriellen Größenordnungen orientieren.
Das ist schwer zu kopieren.
Ein Forschungsgebäude lässt sich errichten. Eine Fabrik ebenfalls. Ein Netzwerk aus Erfahrung, Spezialisten, Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen entsteht dagegen nicht über Nacht.
Darin liegt ein Teil des eigentlichen Kapitals dieses Standorts.
Wenige Kilometer weiter beginnt eine andere Welt
Nördlich davon verändert sich das industrielle Bild erneut.
Auf dem Bützflether Sand prägen Chemie und Grundstoffindustrie den Standort. Aluminium Oxid Stade gehört ebenso zu dieser Landschaft wie Dow, Olin und Roquette.
Allein das Dow-Werk erstreckt sich nach Unternehmensangaben über rund 550 Hektar. Rund 1.100 eigene Beschäftigte sowie einige hundert Beschäftigte von Vertragsfirmen arbeiten dort. In zehn Anlagen werden jährlich rund drei Millionen Tonnen Grund- und Spezialchemikalien produziert.
Solche Zahlen zeigen die Dimension. Sie erzählen aber noch nicht die ganze Geschichte.
Großindustrie existiert nicht isoliert.
Um die Werke herum arbeiten Handwerksbetriebe, Logistiker, technische Dienstleister und spezialisierte Zulieferer. Menschen werden ausgebildet, Wissen wird weitergegeben, Infrastruktur wird auf industrielle Bedürfnisse ausgerichtet. Unternehmen sind über Stoffströme, Energie und Dienstleistungen miteinander verbunden.
So entsteht über Jahrzehnte ein industrielles Ökosystem.
Seine Stärke liegt in diesen Verbindungen.
Seine Verletzlichkeit ebenfalls.
Wenn Entscheidungen am Werkstor nicht enden
Verändert ein großer Industriebetrieb seine Produktion, bleiben die Folgen nicht innerhalb des Unternehmens.
Aufträge können wegfallen. Zulieferer spüren Veränderungen. Fachkräfte orientieren sich neu. Investitionen werden verschoben.
Genau deshalb lässt sich die Zukunft eines Standorts wie Stade nicht allein anhand neuer Projekte beurteilen.
Industrie steht unter internationalem Wettbewerbsdruck. Das gilt besonders für energieintensive Produktion. Strom- und Energiekosten, Infrastruktur, Regulierung, Absatzmärkte und Investitionsbedingungen entscheiden mit darüber, wo Konzerne ihre nächste Anlage modernisieren – und wo möglicherweise nicht.
Das macht industrielle Transformation komplizierter, als es der Begriff zunächst vermuten lässt.
Es geht nicht darum, alte Industrie abzuschalten und anschließend eine neue aufzubauen.
Der Umbau findet während der Produktion statt.
Energie wird zur wirtschaftlichen Standortfrage
Für Stade kommt dabei die Lage an der Unterelbe ins Spiel.
Die Elbe war schon immer Teil der wirtschaftlichen Logik dieses Standorts. Sie ermöglicht Hafenwirtschaft, Logistik und großindustrielle Ansiedlungen. Nun bekommt diese Lage eine zusätzliche strategische Dimension.
Mit dem Hanseatic Energy Hub entsteht in Stade ein neuer Importstandort für verflüssigte Gase. Für 2029 ist die Inbetriebnahme des landbasierten Terminals vorgesehen. In einer ersten Ausbaustufe soll es LNG aufnehmen; die Infrastruktur ist zugleich für Bio-LNG und synthetisches Erdgas ausgelegt. Das Terminal soll zudem so vorbereitet werden, dass künftig auch Ammoniak als Energieträger eine Rolle spielen kann.
Damit verbindet sich die Perspektive einer späteren Wasserstoffwirtschaft.
Das eröffnet Möglichkeiten.
Aber noch keinen garantierten Erfolg.
Denn ein Terminal macht aus einer Region ebenso wenig automatisch einen Zukunftsstandort wie ein Wasserstoffprojekt automatisch neue Industrie schafft.
Entscheidend wird sein, ob aus Infrastruktur tatsächlich Wertschöpfung entsteht: ob Energie zuverlässig und wirtschaftlich verfügbar ist, Unternehmen investieren, neue Produktionsketten entstehen und bestehende Betriebe von der Entwicklung profitieren können.
Erst dann wird aus einem Energieprojekt ein Standortvorteil.
Neue Industrie braucht mehr als neue Flächen
Auch räumlich bereitet sich Stade auf weitere Entwicklung vor.
Das große Industriegebiet soll durch den geplanten „chemcoast-park Stade (Süd)“ ergänzt werden. Rund 17 Hektar umfasst das Planungsgebiet; etwa 14 Hektar davon sind als gewerblich nutzbare Fläche vorgesehen. Der Bebauungsplan befindet sich noch in Aufstellung.
Interessanter als die reine Größe ist der Ansatz.
Die neuen Flächen sollen vor allem Unternehmen aufnehmen, die in einem engen wirtschaftlichen Zusammenhang mit der bereits vorhandenen Industrie stehen.
Genau darin liegt der Gedanke moderner Clusterpolitik.
Ein Unternehmen wird für einen Standort besonders interessant, wenn es nicht nur Fläche belegt, sondern vorhandene Kompetenzen ergänzt: als Abnehmer, Zulieferer, Technologiepartner oder Bindeglied zu Forschung und Energieinfrastruktur.
Dann wird aus räumlicher Nähe wirtschaftliche Nähe.
Der knappste Rohstoff könnte Wissen sein
Bei Industriepolitik dominieren häufig Milliardenbeträge, Anlagen und Infrastrukturprojekte.
Dabei besitzt einer der wichtigsten Standortfaktoren überhaupt keinen sichtbaren Baukörper: Erfahrung.
In Stade existiert industrielles Wissen, das über Jahrzehnte entstanden ist. Menschen wissen, wie man mit komplexen Werkstoffen arbeitet, Produktionsanlagen betreibt, chemische Prozesse steuert oder hochpräzise Bauteile fertigt.
Dieses Wissen lässt sich nicht kurzfristig importieren.
Gleichzeitig verändert sich die Arbeit selbst.
Automatisierung, Digitalisierung und Robotik verschieben Tätigkeiten. Neue Technologien benötigen andere Qualifikationen. Unternehmen konkurrieren um technischen Nachwuchs, während gleichzeitig erfahrene Beschäftigte aus dem Erwerbsleben ausscheiden.
Damit wird Fachkräftesicherung zu weit mehr als einer Aufgabe der Personalabteilungen.
Sie wird zu einem Standortfaktor.
Wer Industrie halten oder neu ansiedeln will, muss deshalb nicht nur zeigen können, wo eine Fabrik gebaut werden könnte.
Er muss auch beantworten können, wer darin arbeiten soll.
Wirtschaftsförderung wird zum Netzwerkmanager
Damit verändert sich auch die Rolle der Wirtschaftsförderung.
Flächen anbieten, Genehmigungswege begleiten und Investoren ansprechen bleibt wichtig. Für einen Standort in Transformation reicht es jedoch nicht mehr.
Unternehmen müssen mit Forschung zusammengebracht werden, Energieprojekte mit möglichen Abnehmern, Investoren mit Verwaltung, Arbeitgeber mit Fachkräften.
Und noch etwas kommt hinzu: Industrie muss wieder stärker erklärt werden.
Wie viel Interesse an den normalerweise verschlossenen Bereichen des Industriestandorts besteht, zeigte im September die zweite „Woche der Industrie“.
Zwölf Unternehmen öffneten ihre Tore. Bei 17 Werksführungen kamen insgesamt rund 600 Besucherinnen und Besucher. Das Programm reichte von Luftfahrt und Leichtbau über Chemie und Forschung bis zu neuen Energieprojekten und dem Rückbau des Kernkraftwerks.
Für fünf Tage wurde damit sichtbar, was sonst hinter Werkstoren liegt.
Für die langfristige Entwicklung des Standorts ist allerdings nicht die Besucherzahl entscheidend.
Interessanter ist, dass Unternehmen, Forschung, Wirtschaftsförderung und Bevölkerung überhaupt miteinander ins Gespräch kommen.
Denn industrielle Transformation braucht Investitionen und Technologie.
Sie braucht aber ebenso Verständnis dafür, was sich vor der eigenen Haustür verändert.
Rückbau gehört ebenfalls zur Transformation
Stade besitzt dafür ein ungewöhnlich anschauliches Beispiel.
Während auf der einen Seite neue Energieinfrastruktur entsteht, verändert sich wenige Kilometer entfernt das Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks.
Das Kernkraftwerk Stade nahm 1972 den Leistungsbetrieb auf und wurde 2003 abgeschaltet. 2005 begann der Rückbau – ein Prozess, der den Standort über zwei Jahrzehnte begleitet hat.
Auch das gehört zur wirtschaftlichen Geschichte eines Industriestandorts.
Infrastruktur entsteht, wird jahrzehntelang genutzt und irgendwann wieder zurückgebaut. Flächen verändern ihre Funktion. Technologien, die eine Generation geprägt haben, werden von anderen abgelöst.
Transformation ist deshalb nicht nur Aufbau.
Sie bedeutet auch, mit dem industriellen Erbe professionell umzugehen.
Stade muss nicht bei null beginnen
Vielleicht ist genau das der entscheidende Vorteil des Wirtschaftsstandorts.
Stade muss seine industrielle Zukunft nicht auf einer leeren Fläche erfinden.
Es gibt internationale Unternehmen. Es gibt Forschung. Es gibt Produktionswissen, Infrastruktur und spezialisierte Fachkräfte. Es gibt eine gewachsene Chemieindustrie und jahrzehntelange Erfahrung mit Leichtbau. Gleichzeitig entstehen neue Energie- und Gewerbeinfrastrukturen.
Doch aus guten Voraussetzungen entsteht nicht automatisch wirtschaftlicher Erfolg.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob es gelingt, diese einzelnen Bausteine miteinander zu verbinden.
Kann aus dem Wissen über Leichtbau neue industrielle Wertschöpfung jenseits bestehender Programme entstehen? Finden Forschungsergebnisse ihren Weg in Fabriken? Wird neue Energieinfrastruktur für Unternehmen tatsächlich zum Vorteil? Können bestehende Industriebetriebe international wettbewerbsfähig bleiben? Und gelingt es, die Fachkräfte zu gewinnen, die all das tragen sollen?
Das sind die relevanteren Fragen als jedes Etikett vom „Zukunftsstandort“.
Denn Stade befindet sich nicht am Ende einer Transformation.
Es steckt mittendrin.
Und gerade deshalb lohnt der Blick an die Unterelbe.
Hier lässt sich beobachten, worum es bei der Zukunft der deutschen Industrie tatsächlich geht: nicht das Alte gegen das Neue auszutauschen, sondern aus vorhandenem Wissen, bestehender Wertschöpfung und neuer Technologie etwas Tragfähiges zu entwickeln.
Ob das gelingt, wird sich nicht an einem einzelnen Großprojekt entscheiden.
Sondern daran, ob aus vielen starken Einzelteilen wieder ein starkes Ganzes wird.